Ada Stefanie Namani * Devinderjit
Positive Vibration

Die Pest, die Raute und der Trank 

Es war einmal ein glückliches Königreich, in dem die Menschen köstlich zu essen und schöne Kleider hatten, in dem Kunst und Gesang jubilierten und das schon lange Jahre in Frieden erblühte. Regiert wurde es von Königin Raute und ihren Ministern. Alle vier Jahre durfte das Volk entscheiden, ob Königin Raute ihre Arbeit gut gemacht hatte und weiterregieren durfte, und weil das Volk in Fülle lebte, geschah dies manche male.

Eines Frühlings aber erreichte Kunde das Land, eine schlimme Pest würde über die Menschen kommen und viele dahinraffen. Königin Raute schaute sorgenvoll und ließ einen Seher befragen. Dieser ging in sich, wenn auch nur kurz, und sprach:

„Es ist lange nicht genug gesagt, dass die Pest viele töten würde; diese wird Scharen von uns vernichten, und wir werden einen Trank brauchen, damit nicht alle elendig ersticken. Und dieser Trank könnte auch giftig sein, aber doch nicht so gefährlich wie die Pest, wahrscheinlich wahrhaftig. Ich weiß Rat, denn ich habe einen guten Freund, der den Trank brauen kann, das dauert ein wenig Zeit. Und auch rasch viele Pülverchen und Tinkturen, die wahrscheinlich helfen, die bietet er Euch gern feil. Wichtig ist auch, dass die Menschen nicht mehr feiern, noch singen oder lachen, denn so würden sie die Pest noch einladen und rascher unter sich verbreiten.“

Und das Volk wurde erst sehr traurig, dann hart, streng und kaltherzig. Es linderte ihre Angst, ihre Brust zu schwellen. Sie wurden stolz darauf, alles richtig zu machen, indem taten, was der Seher sagte, und überboten einander darin. So untersagten sie das Turnen und Tanzen und alles, bei dem man tief atmet. Denn wie der Körper gesund bleibt, das weiß niemand außer dem Seher, der Raute, den Ministern.

Sie verboten den Kindern, kindlich zu sein, und ließen die Alten einsam sterben, da diese sonst beim Sterben krank sein könnten. Sieche, Geschwächte fielen dem Eifer der Bader zum Opfer, die meinten, die Last der Seuche schultern zu müssen. Sie ließen eifrig zur Ader, verkauften reichlich Pulver und Tinkturen, denn viel hilft viel. Wer das nicht aushielt und starb, an dem erkannte man wieder die Weisheit des Sehers.

Die Kinder fühlten sich falsch und schuldig, verbargen ihre Gesichter, so wie viele der Strengen ihre Angst unter Lappen verbargen. Und unter den Lappen erstickten manche, so wie der Seher es in seiner Weitsicht vorausgesagt hatte. Andere verlernten unter den Lappen und den unaufhörlichen Angstmärchen das Denken und Fühlen. Und weil alle gleich sein sollten, sagten die Minister: „Wer keinen Lappen trägt, verrät damit die anderen und bringt sie um.“ So begann man, die zu steinigen, die keine Lappen trugen.

Manche erinnerten sich dunkel an düsterste Zeiten und es kam ihnen ganz richtig vor, sich so kaltherzig zu verhalten, wie sie es damals erlebt hatten. Und die Boten, Verwalter und Schergen überboten sich darin, die Kunde immer schrecklicher auszumalen, damit sich jeder an die Dekrete hielte. Und so versammelten sie sich nicht, hörten kaum noch andere Kunde und verschlossen ihre Herzen immer mehr.

Die Gaukler und Musiker wurden nicht mehr zu Festen geladen und mussten betteln gehen, doch fast niemand sonst traute sich auf die Gassen, und wenn, dann hasteten sie in ihrer Panik an den Hüten der Musikanten vorbei. Die Wirtsleute mussten ihre Wirtschaften schließen, und vorbei war es mit köstlichen Speisen, Beisammensein und gesundem, herzbefreiendem Lachen.

Doch manchen kam es merkwürdig vor. Was, wenn Königin Raute sich irrte oder gar verrückt geworden wäre, und auch ihre Minister? Wer außer dem Seher hatte gesehen, dass alle sterben würden? Man kannte nicht viele, die wirklich siechten. Doch der Seher sagte, niemand könne wissen, wer nicht doch tückisch heimlich die Pest verbreite, außer ihm. So viele verarmten und wurden durch Armut krank, oder starben vor Gram einsam in ihren Hütten. Und die Zweifler weinten um die verhungernden Kinder, derer so viel mehr waren als je zuvor.

Warum starb denn kaum jemand an der Pest, außer einzelnen, jetzt einsamen, Alten? Und manchen Opa hatte wohl der Schlag getroffen, doch man sagte, die Pest habe ihn dahingerafft. Warum wurden fast alle, die der Seher für siech erklärt hatte, schnell wieder gesund? Warum kannte kaum jemand einen, der daran gestorben, außer den Boten, die pausenlos davon berichteten?

Sorgte am Ende doch Gott für alle? Ließ die Menschen genesen, die aber, deren Zeit gekommen war, in Frieden entschlafen? War es nicht zu allen Zeiten so gewesen, dass der Mensch nach langem Leben dankbar zum Schöpfer geht? Tat  man vielleicht schlecht daran, die weisen Frauen und Heiler zu schmähen, die andere Mittel als die des Seher-Freundes empfahlen? Und die Zweifler baten die Raute, gut zu überlegen, an die Kinder, Einsamen, Sänger zu denken und andere Seher zu befragen. Doch die Königin stellte sich taub und herrschte.

Dann sagten die Vasallen und Boten: „Schämt Euch, Ihr naseweisen Zweifler! Habt ihr denn kein Mitgefühl mit den Siechen? Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, da sind sie alle an der Pest gestorben, und die Zwerge schon längst!“ Und sie sagten auch: „Weißt du nicht, dass unsere ehrenwerte Königin Raute es immer schon gut mit uns meinte? Was bildest du dir ein, was ihr weiser Seher nicht längst schon weiß?“ Dann musste der freche Frager den strengen, besserwissenden Blick aushalten, oder nicht selten einige Tage am Pranger verbringen, aufdass alle ihn verlachten und mit faulen Früchten und Eiern bewarfen. Selbst das Wort "Zweifler" wurde zum Schmähwort; auf jeden, der so bezeichnet wurde, durfte man nun spucken.

Und die Wankelmütigen unter denen, die Zweifel hegten, sahen, dass Zweifler verlacht und verpönt wurden. Da wollten sie lieber zu den Werfern gehören als zu den Beworfenen und überboten die anderen noch im Verhöhnen und Verpönen derer am Pranger.

„Es kann doch nicht sein“, sagten die Vasallen der Raute, „dass sich der weise Seher irrt! Und seht doch, meine Oma hat bei der Pest einen schweren Schnupfen gehabt, und nun kann sie noch immer nichts riechen. An den Pulvern und Tinkturen der Bader haben wir nicht gespart, und dennoch war sie danach erst recht krank geworden. Und obwohl wir alles richtig gemacht haben, sie ganz allein gelassen und ihr bloß Tee durch die Türklappe geschoben haben, als sie krank war, ist sie darüber tüdelig geworden! Seht ihr nicht, wie gefährlich die Pest ist!

Und auch in den Königreichen um uns herum herrscht die gleiche wahre Kunde; wollt ihr denn sagen, dass alle verrückt geworden wären?“ Und so wurden noch mehr Tomaten, faule Eier und auch Steine geworfen, und manche frechen Frager wurden still, andere aber lauter als zuvor.

Als dann das Volk erfuhr, dass Königin Raute und ihre Minister noch strengere Gesetze erlassen wollten, da waren viele erleichtert, so groß war ihre Angst vor der Pest, und auch vor dem Zweifel. Dann verkündete Königin Raute, niemand solle nach Ablauf der Zeit entscheiden, ob sie noch weiterregieren darf. Sie würde auf immer ihre verlässliche Herrscherin bleiben. Da waren sie noch erleichterter, da die Raute alle mit so strenger Hand und Weitsicht durch diese schwere Zeit führte. Dies sollte sie in ihrer unendlichen Weisheit nun in alle Ewigkeit tun, sodass auch die Last des Denkens und Entscheidens allen von den Schultern genommen bliebe!

Und schwer waren die Zeiten fürwahr, da viele verarmten, die Freude vernichtet war, Gewalt und Zwietracht in Familien und unter den Menschen entstand und manche vor Hoffnungslosigkeit ihre Taschen mit Steinen füllten und ins Wasser gingen.

Doch entgegen dem Dekret schlossen sich freche Frager zusammen. Schon lange hatten sie andere Seher befragt, auch Rechtsgelehrte und Heiler. Alle sagten sie eines: dass der Seher der Raute log. Dass es doch Königreiche gab, in denen die Pest frei gewütet und nur wenige getötet hatte, dafür sang und lachte man dort noch und hatte genug zu essen. Und sie sagten gar, dass der Trank, den der Seher braute, sehr giftig sein könnte, denn wer so schrecklich log, der hatte vielleicht noch Schlimmeres vor.

Sie schrieben kluge Briefe, befragten die vielen Lebenden, untersuchten die wenigen Kranken und sogar die einzelnen Verstorbenen. Sie bewiesen, dass die Pest keine war, dass die Lappen schadeten, so wie die Einsamkeit und die Angst. Sie bewiesen, dass wie schon zu allen Zeiten die Menschen stark und von Gott behütet seien. Sie entlarvten die Lügen des Sehers bis ins Kleinste und erfuhren auch, dass die Königin es besser wissen müsste. Doch die Raute verschloss ihre Ohren und regierte.

Sie begannen gar zu bezweifeln, dass die Königin es immer schon gut mit ihnen gemeint hatte. Auch vieles andere kam ihnen nun merkwürdig vor, da die Kunde der Pest sie aus ihrem Schlaf des Gutglaubens erweckt hatte. Sie erhielten Briefe aus glücklichen und unglücklichen Königreichen und fanden Verbündete. Und sie fürchteten noch den Pranger, doch dass man sie verhöhnte und nicht anhörte, wurde ihnen zum Beweis, dass das Königreich lange nicht mehr gut war.


Wie das Märchen weitergeht? Das hängt von Dir ab. Jede*r einzelne hat Macht. Und wisse: Am Ende siegt sicher die Wahrheit. Wenn Du Bestand haben möchtest, dann sei ein Mensch der Wahrheit.

Ich bete, dass es mir gegeben werde, bald die Geschichte mit einem guten Ende zu versehen. In dem die Menschen noch glücklicher als vor dem Frühling in Freiheit, Frieden und ehrlicher Auseinandersetzung gemeinsam die Verantwortung füreinander und für ihre Gesundheit tragen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 
Karte
Anrufen